APR 2016
Anerkennungspreis beim Deutschen Tanzpreis 2016

Laudatio zur Verleihung des Anerkennungspreises an Dr. med. Elisabeth Exner-Grave, Dr. med. Liane Simmel und PD Dr. Dr. med Eileen Wanke

Der Förderverein Tanzkunst Deutschland e.V. verleiht jedes Jahr den Deutschen Tanzpreis, den Deutschen Tanzpreis „Zukunft“ und den Anerkennungspreis.

Ballettmanager Tobias Ehinger hielt diese Laudatio am 05.03.2016 bei der Gala zur Verleihung des Tanzpreises im Aalto-Theater in Dortmund.

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
liebe Preisträgerinnen,

Kaum eine Kunstform ist so vergänglich wie der Tanz – kaum eine Kunstform so schnelllebig, wandelbar und damit auch aktuell. Spielzeit für Spielzeit entstehen unzählige Neukreationen. Die Geschwindigkeit der künstlerischen Entwicklung ist enorm. Immer physischer, anspruchsvoller und unterschiedlicher werden die Tanzstile. Das technische Niveau und die Wandlungsfähigkeit der Tänzer nehmen rasant zu. Sehr zur Freude des Publikums präsentiert sich der Tanz heute in einer nie da gewesenen Bandbreite und stilistischen Vielfalt.

„Was dem Musiker sein Musikinstrument, ist dem Tänzer sein Körper.“ Wir sind fasziniert von der Ausdrucksfähigkeit, der Körpersprache der Tänzer, Ihrer Plastizität, Dynamik, Kraft und gleichzeitiger Leichtigkeit. Der Körper ist das Instrument der Tänzer, das sie täglich zu Höchstleistungen fordern. Und dieses Instrument muss gesund sein um sich künstlerisch zu entfalten, den Anforderungen der Choreographen gerecht zu werden – und um virtuos darauf spielen zu können. Es ist so augenscheinlich, …scheint so selbstverständlich, dass der Tänzer einer besonderen medizinischen Aufmerksamkeit bedarf. Schon Louis XIV lies seine Soldaten tanzen – die erste betriebliche Gesundheitsfürsorge. (und das war Mitte de 17 Jahrhunderts). Auch (Jean Georges) Noverre schrieb in seinen Briefen bereits über den gesundheitlichen Aspekt des Tanzens.

Wie kam es dazu, dass diese Ansätze verschwanden und die Tanzwelt solange dem Leistungssport hinterher lief?

Schon ein einfacher Besuch des täglichen Trainings lässt auch den Laien unzweifelhaft erkennen – Tänzer sind Hochleistungssportler! Aber: Das Selbstverständnis des Tänzers ist nicht das des Sportlers, sondern das des Künstlers. Es bedarf einer hohen Leidenschaft und Leidensfähigkeit um die Selbstdisziplin aufzubringen, den harten Weg der Berufsausbildung zu vollenden. Der Tänzer strebt zeit seines Berufslebens nach Grenzüberschreitung, Perfektion, Selbstverwirklichung, Katharsis.

Tanz ist die Poesie des Körpers – nicht die Prosa!

Die Pflege des eigenen Körpers wird dabei oft vernachlässigt, Schmerz gehört einfach dazu… wird oft sogar glorifiziert. Dieses Bild führte auch dazu, dass über lange Zeit die Trainingsmethoden des Klassischen (Akademischen) Tanzes nicht an die wachsenden Anforderungen angepasst wurden. Nicht selten wird ein rigides Körperideal propagiert. Oft wird Schülern eine schmerzverankerte Disziplinierung schon früh impliziert. Auch die Medien pflegten voller Freude das Klischee des heroischen leidensfähigen Künstlers…

Gesundheitsfürsorge, medizinische Betreuung, systematische wissenschaftliche Forschung… Was im Leistungssport schon lange fest etabliert ist, war in der westlichen Tanzwelt nur punktuell und unsystematisch vorhanden – einzig singulären Fachkompetenzen zu verdanken. Anders in der ehemaligen DDR: Hier gehörte eine fundierte medizinische Versorgung zum Berufsbild des Tänzers – seit 1958 wurde im Ambulatorium der Berliner Bühnen systematisch tanzwissenschaftlich geforscht. Und mit der Wende wieder abgeschafft…

Ein Glücksfall, dass sich 1997 auf einem tanzmedizinischen Kongress in Tring in der Nähe von London unsere Preisträgerinnen begegneten. (Anmerk.: In der angelsächsischen Tanzszene hatte sich in Verbindung mit den Universitäten 1990 die International Association for Dance Medicine & Science kurz IADMS gegründet.)Jene drei Elemente fanden zueinander, die die Renaissance (der deutschen Tanzmedizin), den Aufbau einer gesamtdeutschen Tanzmedizin einleiteten, die die Gesundheit der Tänzer so nachhaltig beeinflussen sollte.

Dr. Elisabeth Exner-Grave kommt aus einer musischen Familie. Über ihren Vater – einen Orchestermusiker – kam sie zum Theater, entdeckte den Tanz für sich und studierte an der Folkwang Hochschule in Essen. In der Umkleide hörte sie von den Absolventen, wie schwierig es sei einen Arzt mit Verständnis für Tanz zu finden. Als dann ihre ungarische Biologielehrerin sie fragte warum sie eigentlich nicht Medizin studieren wolle, war ihre Vision klar, die ihre Lebensaufgabe werden sollte…

Dr. Liane Simmel studierte Tanz an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in München sowie bei Merce Cunningham in New York. Über 20 Jahre stand sie als Profi auf der Bühne. Aber von Anfang an war die junge Tänzerin gebannt von der Funktionsweise des Körpers. Sie ging zu ihrem Ballettdirektor und verhandelte einen einzigartigen Vertrag: Zeitweise wurde Sie freigestellt um während der aktiven Tänzerlaufbahn Medizin zu studieren…

Prof. Dr. Dr. Eileen Wanke entdeckte früh ihre doppelte Leidenschaft für den Tanz und die Medizin. Zielstrebig studierte sie tagsüber Medizin, stand abends zeitweise als Gast auf der Bühne und vertiefte sich in die Beziehung beider Elemente. Sie wollte für die Tänzer da sein, etwas nachhaltiges Schaffen. Als ihr der Lehrstuhlinhaber für Sportmedizin an der Universität in Kiel, Hans Rieckert, von seiner zufälligen Begegnung mit John Cranko erzählte – beide saßen im Flugzeug neben einander und unterhielten sich über das Herzkreislaufsystem im Bühnentanz – , war sofort klar: Ihre Doktorarbeit würde sich in der Tanzmedizin realisieren lassen.

In England kam es also zur zukunftsweisenden Begegnung dreier junger Frauen, die – in ihrer Leidenschaft dem Tanz und der Medizin gleichermaßen verbunden- unabhängig voneinander ein ehrgeiziges uns visionäres Ziel verfolgten: Sie wollten den Tänzer helfen, die Medizin im Tanz und den Tanz in der Medizin etablieren, ins Bewusstsein bringen, Wissen vernetzen, der Gesundheit im Tanz eine Stimme geben.

Eine Vision die zur Mission wurde: Innerhalb kürzester Zeit gründeten sie einen gemeinnützigen Verein. Weitsichtig integrierten sie Physiotherapeuten und Tanzpädagogen. tamed war geboren. Heute ist tamed mit über 500 Mitgliedern weltweit die größte nationale Organisation für Tanzmedizin und beinhaltet gleichermaßen die Ausbildung, Beratung und Vernetzung.

Mit Herzblut und Leidenschaft, Energie und Tatkraft, und vor allem stetig steigendem Spezialwissen, nahmen sie Hürde um Hürde, räumten den steinigen Weg und wurden zu den Koryphäen der deutschsprachigen Tanzmedizin. Die stetig forschende Dr. Eileen Wanke lieferte die Studien für Unfallkassen und Ärzte, bildete die die Schnittstelle zur Wissenschaft.
Dr. Liane Simmel schuf für Profi- und Laientänzer im Institut für TanzMedizin „Fit for Dance“ in München eine Anlaufstelle für Ihre Gesundheit, erweiterte die Tanzmedizin um den osteopathischen Ansatz. Dr. Elisabeth Exner-Grave gründete und etablierte in unermüdlichem Schaffensdrang ein einmaliges Kompetenzzentrum TanzMedizin im Rehazentrum medicos.AufSchalke.

Und gemeinsam vernetzten sie ihre Erkenntnisse, vermittelten ihr Wissen als Autorinnen von Fachbüchern oder in Vorträgen und hinterließen ihre Fußstapfen weit über den jeweiligen Wirkungskreis hinaus.
Es sind Meilensteine, die unsere drei Pionierinnen gelegt haben. Man kann sich kaum vorstellen, welcher Idealismus, welches Herzblut und Durchhaltevermögen hierfür notwendig war und ist. Die Leidenschaft der Tänzerinnen in ihnen. Heute erleben wir eine neue Generation von jungen Tänzern, – um die Besonderheiten ihre Körpers wissend und auf die Bedeutung des gesunden Körper bedacht. Tänzer mit dem Bewusstsein für ihr ungeheuer wertvolles Instrument, mit dem sie virtuos ihre Kunst auszudrücken vermögen. Wir erleben Tänzer, die gestärkt aus der berufsspezifischen Reha kommen und danach in ihrer Karriere erblühen…

Ja, ein Umdenken setzt langsam ein. In den ersten Hochschulen ist die Tanzmedizin in der Ausbildung verankert. Gesetzliche Unfallversicherungsträger erkennen den Tänzer als Versicherungsnehmer mit besonderen Bedürfnissen an – was ein gravierender Unterschied in der Verbesserung der Therapiemöglichkeiten bedeutet. Die Tanzmedizin wird von den Ärzten nicht mehr nur belächelt, sondern als eigener Themenbereich auf dem Orthopädiekongress verankert. Ja, die Gesundheit im Tanz hat eine Stimme erhalten

Liebe Elisabeth, liebe Liane, liebe Eileen – Sie haben die Tanzwelt verändert.
Dafür bin ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar. Als Tänzer, der dadurch ein anderes Bewusstsein für seinen Körper erlangte, als Compagniemanager, der die Stärkung seiner Tänzer erleben durfte, und als Mensch, dem die Zukunft des Tanzes am Herzen liegt.

Aber, meine Damen und Herren, wir dürfen diese Pionierinnen nicht alleine lassen!
Nun sind wir gefragt, die Errungenschaften zu unterstützen und dauerhaft zu etablieren.

Liebe Tänzer, Lehrer, Direktoren, Öffnen wir die Augen und lassen wir die zeitgemäßen Erkenntnisse der Tanzmedizin in unsere Arbeit einfließen. Lasst uns im Wesen Künstler bleiben, aber unser Instrument, den Körper kennenlernen und pflegen. Lasst uns wissen!

Liebe Politiker, liebe Verantwortungsträger, die Tanzmedizin kann nicht nur von Idealismus und Spendenbereitschaft getragen werden. Es geht nicht nur um medizinische Betreuung einer überraschend großen Berufsgruppe, sondern um das Wissenspotential für die gesamte Gesellschaft!

Und wenn sie nach der Relevanz gefragt werden, berufen Sie sich auf eine Studie von Dr. Wanke. In der Spielzeit 2011/12 wurden mehr als 35 Millionen Theaterzuschauer verzeichnet – Drei Mal so viel wie im selben Zeitraum in Fußballstadien. Es ist an der Zeit das die Tanzmedizin institutionalisiert und nachhaltig und dauerhaft gefördert wird. Es ist an der Zeit, dass sich die Vision eines eigenen Lehrstuhls der Tanzmedizin für unsere Preisträger erfüllt. Heute dürfen wir die Wegbereiter ehren, morgen ist unser Handeln gefragt.

Liebe Elisabeth, liebe Liane, liebe Eileen – Ich weiß wie viel Lebenskraft Sie in das Wohl der Tänzer gesteckt haben. Möge der heutige Tag Ihnen Energie und Rückenwind geben.
Mein herzlicher Dank, mein großer Respekt und meine begeisterten Glückwünsche zum Deutschen Tanzpreis Anerkennung!

© Essen 05.03.2016, Tobias Ehinger

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